Nach Tagen voller Action kehrte Ruhe im Schiff ein. Die
meisten Passagiere merkten auch, dass die vergangenen Tage jetzt nach etwas
Entspannung und Ruhe verlangten. Auch ich musste erkennen, dass ich ehrlich
gesagt ziemlich hinüber war. Am Morgen gab es noch zwei Vorträge über Robben
und die Jagd von Scott und Amundsen zum Südpol. Beide interessant. Aber danach
rief das Bett nach seinem Recht. Während der ganzen Reise war es noch nicht so
still. Die Flure waren leer und die wenigen, die es bis in die Bar geschafft
hatten, um die Aussicht zu genießen, waren auch in Ihren Sesseln eingeschlafen.
Jemand, den ich sehr oft im Spiegel anschaue, war ebenfalls darunter. Nach dem
Mittagessen nutzte ich die freie Zeit, um meine Bilder zu sortieren und einige
auszusuchen, die ich auf dem PC im Media Room mit denen, die keine tolle
Ausrüstung dabei haben (und das sind erstaunlich viele), teilen wollte.
Am Abend gab es dann noch einen Vortrag unseres Kayak Guides
Jamie über sein Leben als Kajaker. Irre was der schon so erlebt hat. So war er
mit einem Team der erste, der Spitzbergen in einem Kayak umrundet hat. Einfach
irre Bilder. Da muss ich auch mal ein Wort zu unserer Besatzung des
Veranstalters sagen. Ich bin von Tag zu Tag mehr begeistert von diesen Leuten.
Inzwischen hat man von fast allen ja den Background erfahren. Es handelt sich
wirklich bei allen um absolute Outdoor Maniacs, die schon irrwitzige Abenteuer
hinter sich haben. Einer war 30 Jahre Kapitän bei der Royal Canadian Marine
Police und hat als einer der Ersten Amerika komplett umrundet inklusive
Nordwestpassage. Für seine Verdienste trägt er sogar den Titel „Member of Merit“.
Das ist die kanadische Version des „Member of British Empire“. Wir mussten ihn
aber nicht mit „Sir“ anreden. Unsere stellvertretende Expeditionschefin ist im auf
einem 18 Meter kurzen Segelforschungsschiff 2 Jahre lang in die Antarktis
gefahren, unser Biologe macht seine 31. Saison in der Antarktis (!!!) und in
seiner Freizeit regelmäßig Expeditionen im Himalaya, unser Historiker macht
Schlittenhundexpeditionen überall in der Welt und so weiter und so weiter. Man
hält sich selber für einen Weltenbummler und begegnet hier Lebensläufen, dass
man sich selber fühlt, als wäre man in seinem Leben bestenfalls nach
Castrop-Rauxel gekommen (und das nicht nur bei der Besatzung). Und nun haben
ausgerechnet diese Leute nichts besseres zu tun, als uns im Schlauchboot durch
die Antarktis zu fahren. Einfach nur irre. Aber auch gut, sich in Händen von
Leuten zu wissen, die wissen was sie tun.
Am nächsten Tag stieg der Puls wieder. Als erstes stand ein
verpflichtendes Briefing über Südgeorgien auf dem Plan. Danach gab es die
sogenannte „Vacuum Party“. Alle Gäste wurden Deck für Deck zur Rezeption
gerufen und mussten für die Kleidung ein noch strikteres Biosecurity Protokoll
durchlaufen, als in der Antarktis. Hieß Stiefel putzen und waschen, und seine
ganze Kleidung auf Verunreinigungen überprüfen und reinigen. Macht insbesondere
bei den Klettverschlüssen richtig Spass. Dann alle kleinen Zwischenräume mit
dem Staubsauger reinigen, daher der Name für die Party. Die Regierung
Südgeorgiens wird uns am zweiten Tag der Reise über die ordnungsgemäße
Durchführung kontrollieren. Gibt´s zu viele, die durchfallen und das wiederholt
sich, würde One Ocean in Zukunft hier nicht mehr herfahren dürfen. Aber gut so,
wenn man hört, was hier schon alles eingeschleppt wurde und sich ausbreitet und
das sensible Biosystem hier gefährdet. Aktuell kämpft man z.B. gegen den
Löwenzahn, der hier überhaupt nichts zu suchen hat. Und wer den im eigenen
Garten hat, weiß wie der sich ausbreitet. Ein Samen in der Falte seiner
Kleidung reicht. Und dann weiß man auch warum man den ganzen Zirkus hier
veranstaltet.
Am Nachmittag gab es dann noch einen allgemeinen Vortrag
über Südgeorgien. Auf diesen folgte dann am Abend die Bekanntgabe des
Expeditionsprogramms für die folgenden Tage. Jetzt heißt es wieder jeden
Vormittag und Nachmittag rein in die Klamotten und ab in die Boote. Aber jetzt
sind die Akkus wieder voll und alle sind froh und gespannt auf die Abenteuer,
die uns erwarten. Auf geht´s zum wahrscheinlichen Höhepunkt der Reise.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen