Ich war drei Wochen in Patagonien und nun 3 Wochen in der
südlichen Polarregion und noch immer ist mein Urlaub nicht vorbei. Allerdings wird’s
nun deutlich ruhiger. Die nächsten 2 Wochen sollen mehr der Entspannung als dem
Abenteuer dienen. Aber ich möchte trotzdem was sehen. Diese Woche ist das Elqui
Tal mein Ziel. Da dies in einem Rutsch zu weit weg von Santiago ist, mache ich
mich heute auf den Weg zu einem Zwischenstop in La Serena an der Pazifikküste.
Nach dem Frühstück musste ich erst einmal den Mietwagen
übernehmen. Auf diesem vollkommen überfüllten Flughafen mit der Riesen Terminal
Baustelle ist allein das schon Abenteuer. Aber nach „nur“ 1 Stunde war dieses auch geschafft. Ich
wollte noch kurz an der Spotterposition vorbeischauen, um dann mit Schrecken
feststellen zu müssen, das diese gerade durch eine Straßenbaustelle versperrt
wird. Hoffentlich ist die bis Samstag wieder weg, wenn ich wieder da bin. Da
ist eigentlich ein Spotterwochenende auf dem Plan. So machte ich mich auf den
Weg auf der Interamericana. Knapp 600 km Fahrt lagen vor mir. Also gute 6-7 Stunden
Fahrt. Die ersten 100 km waren mir vom ersten Tag noch bekannt. Die weiteren
gestalteten sich zuerst nicht weiter interessant. Nach gut 250 km kommt die
Interamericana an die Küste des Pazifiks. Und alle paar Kilometer locken Strände
zu einer Pause. Alle mit einem anderen Charakter. Mal locken Luxusresorts, mal
ein einfaches Fischerdorf und mal auch einfach nur ein einfacher Strand ohne
alles. Genau da machte ich meine Pause. Ich genoß die Wellen und das Meer und
das bei etwa 30°C. Was für ein Kontrastprogramm zu einer Woche zuvor. Dort hatte
ich auch Sonne und Strand. War aber dick in meine Polarklamotten eingehüllt. Nach
etwas mehr als einer halben Stunde musste ich aber weiter um nicht zu spät am
Ziel anzukommen. Etwa 10 km vorm Ziel überquerte ich eine Bergkuppe und die bis
dahin eher menschenleere Landschaft wandelte sich schlagartig in einen urbanen
Großraum. Zuerst kam die Hafenstadt Coquimbo dahinter lag La Serena mit seinem
langen Sandstrand. Dort sollte für die nächsten 2 Nächte mein Lager sein. Ich
kam an einem Sonntag an. La Serena war vollkommen mit Tagestouristen
überlaufen. Überall Gewusel und Menschen und Autos und Lärm. Ich war an der
chilenischen Version vom Ballermann angekommen. Eine schicke Promenade führte
den gesamten Strand entlang. Der markanteste Unterschied zu europäischen
Strandorten ist, dass hier nicht die Hotels sondern die Apartment Häuser in
erster Reihe stehen. Erst dann folgen in zweiter und dritter Reihe die Hotels.
So auch meins. In Spanien wäre dies ein 2 bis 3 Sterne Apartment Hotel. Etwas
abgewohnt aber für 2 Nächte ok. Da La Serena an der Westküste liegt, erwartete
mich dann auf der Restaurantterrasse ein wundervoller Sonnenuntergang.
Am nächsten morgen machte ich mich auf den Weg in die Stadt,
da diese etwas schöner und weniger touristisch sein soll. Das Vorhaben
scheiterte. Ein Zirkus belegte die einzig größere Parkfläche der Stadt und so
gab es ein absolutes Parkplatzchaos in der Stadt. Ich gab irgendwann auf und kehrte
zum Strand zurück. Dieser war fast menschenleer. Es war ja noch früh und die
Wochenendtouris waren alle weg. Nach dem Strandintermezzo und einem Nap im
Hotel machte ich mich wieder auf und fuhr ins benachbarte Coquimbo. Dort war
mir am Vortag beim Vorbeifahren ein gigantisches Betonkreuz auf einem Hügel
aufgefallen. Der Reiseführer verriet mir, dass es sich dabei um das Cruz del
Tercer Milenio handelt. Das musste näher begutachtet werden. Es sollte ein Nachmittag
des Kopfschüttelns werden. Bei diesem Betonkreuz von satten 93 Metern Höhe
handelt es sich um eine krude Darstellung von Größenwahn. Das Kreuz wurde
anlässlich des Milleniums gebaut. Wie sich später herausstellte war ordentlich
Schmiergeld im Spiel und einige Beteiligte gingen dafür hinter schwedische Gardinen.
Das Bauwerk sieht schon aus der Ferne vollkommen deplatziert, überdiemnsioniert
und in seiner Architektur einfach häßlich aus. Ein einfaches Kreuz ist es
nicht, dafür ist es viel zu mächtig mit dem dreieckigen Unterbau und eine
Skulptur ist es auch nicht, dafür ist es wieder zu sakral. Kommt man dem ganzen
näher wird das ganze Ausmaß der Bigotterie deutlich. Man fährt durch Barrios die
man besser Favelas nennen sollte. Es sind absolute Armenviertel mit den ärmsten
Menschen der Stadt, die in gerade noch erträglichen (aber dennoch nicht
schönen) Verhältnissen ihr Leben fristen müssen. Und genau mitten rein in
dieses Elend baut man diesen scheinheiligen gigantischen Schrein mit einem
krude anmutenden Themenpark drumrum. 2001 eröffnet passt sich das Bauwerk
inzwischen dem Gammel der umliegenden Stadtviertel an. Überall Rost und Dreck.
Auf der untersten Etage befindet sich ein Kapellensaal. Dieser ist seinerzeit
so schlecht gebaut worden, dass im Winter das Wasser durchkriecht. Überall Flecken
an der Decke. Noch ein paar Jahre und die heute bereits existierenden
Salzkrusten werden sich in üppige Stalaktiten verwandeln. Der Beton wurde so
schlecht verabeitet, dass bereits jetzt überall Löcher entstehen und die
Stahlstangen ragen aus dem Beton. Hinter dem Kappellensaal befindet sich ein
Museum. Neben Fotos vom Bau sieht man diverse Portraits von hochgestellten kirchlichen
Würdenträgern. Die Insignien wurden auch ausgestellt. Das ganze hatte eher die
Anmutung einer Altkleidersammlung ausgedienter Sakralfürsten.
Auf der zweiten Etage hat man einen Platz gebaut, auf dem in
4 verschiedenen Bildern mit Statuen der Leidensweg Christi dargestellt ist.
Alles recht theatralisch, aber da stehen die Chilenos drauf. Dann geht’s im
Fahrstuhl rauf zum Kreuzgang. Dort stehen dann überall Büsten von Kardinälen und
Päpsten. Das einzig tolle an diesem Gang ist der Überblick auf die Bucht. Der
ist durchaus schön. Man darf nur nicht in die Nähe schauen, dann wird das Elend
um diesen Pseudoprachtbau erst recht deutlich. In dieser Umgebung haben die
Menschen nahezu nichts davon. Einige wenige vermieten jeden Qaudratmeter als Parkplatz
um ein paar Pesos zu verdienen. Dazu ein Getränkeladen. Sonst hat von diesem Kreuz
niemand etwas. Aber den Chilenos scheints zu gefallen. Ich sage mir, man muss
auch das Elend gesehen haben, um die Schönheit dieses Landes begreifen zu
können. Da bin ich seit heute intelligenter.
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