Mittwoch, 13. Februar 2019

10.02. und 11.02.19 Santiago nach La Serena und ein Tag an der Küste



Ich war drei Wochen in Patagonien und nun 3 Wochen in der südlichen Polarregion und noch immer ist mein Urlaub nicht vorbei. Allerdings wird’s nun deutlich ruhiger. Die nächsten 2 Wochen sollen mehr der Entspannung als dem Abenteuer dienen. Aber ich möchte trotzdem was sehen. Diese Woche ist das Elqui Tal mein Ziel. Da dies in einem Rutsch zu weit weg von Santiago ist, mache ich mich heute auf den Weg zu einem Zwischenstop in La Serena an der Pazifikküste.
Nach dem Frühstück musste ich erst einmal den Mietwagen übernehmen. Auf diesem vollkommen überfüllten Flughafen mit der Riesen Terminal Baustelle ist allein das schon Abenteuer. Aber nach „nur“  1 Stunde war dieses auch geschafft. Ich wollte noch kurz an der Spotterposition vorbeischauen, um dann mit Schrecken feststellen zu müssen, das diese gerade durch eine Straßenbaustelle versperrt wird. Hoffentlich ist die bis Samstag wieder weg, wenn ich wieder da bin. Da ist eigentlich ein Spotterwochenende auf dem Plan. So machte ich mich auf den Weg auf der Interamericana. Knapp 600 km Fahrt lagen vor mir. Also gute 6-7 Stunden Fahrt. Die ersten 100 km waren mir vom ersten Tag noch bekannt. Die weiteren gestalteten sich zuerst nicht weiter interessant. Nach gut 250 km kommt die Interamericana an die Küste des Pazifiks. Und alle paar Kilometer locken Strände zu einer Pause. Alle mit einem anderen Charakter. Mal locken Luxusresorts, mal ein einfaches Fischerdorf und mal auch einfach nur ein einfacher Strand ohne alles. Genau da machte ich meine Pause. Ich genoß die Wellen und das Meer und das bei etwa 30°C. Was für ein Kontrastprogramm zu einer Woche zuvor. Dort hatte ich auch Sonne und Strand. War aber dick in meine Polarklamotten eingehüllt. Nach etwas mehr als einer halben Stunde musste ich aber weiter um nicht zu spät am Ziel anzukommen. Etwa 10 km vorm Ziel überquerte ich eine Bergkuppe und die bis dahin eher menschenleere Landschaft wandelte sich schlagartig in einen urbanen Großraum. Zuerst kam die Hafenstadt Coquimbo dahinter lag La Serena mit seinem langen Sandstrand. Dort sollte für die nächsten 2 Nächte mein Lager sein. Ich kam an einem Sonntag an. La Serena war vollkommen mit Tagestouristen überlaufen. Überall Gewusel und Menschen und Autos und Lärm. Ich war an der chilenischen Version vom Ballermann angekommen. Eine schicke Promenade führte den gesamten Strand entlang. Der markanteste Unterschied zu europäischen Strandorten ist, dass hier nicht die Hotels sondern die Apartment Häuser in erster Reihe stehen. Erst dann folgen in zweiter und dritter Reihe die Hotels. So auch meins. In Spanien wäre dies ein 2 bis 3 Sterne Apartment Hotel. Etwas abgewohnt aber für 2 Nächte ok. Da La Serena an der Westküste liegt, erwartete mich dann auf der Restaurantterrasse ein wundervoller Sonnenuntergang.
Am nächsten morgen machte ich mich auf den Weg in die Stadt, da diese etwas schöner und weniger touristisch sein soll. Das Vorhaben scheiterte. Ein Zirkus belegte die einzig größere Parkfläche der Stadt und so gab es ein absolutes Parkplatzchaos in der Stadt. Ich gab irgendwann auf und kehrte zum Strand zurück. Dieser war fast menschenleer. Es war ja noch früh und die Wochenendtouris waren alle weg. Nach dem Strandintermezzo und einem Nap im Hotel machte ich mich wieder auf und fuhr ins benachbarte Coquimbo. Dort war mir am Vortag beim Vorbeifahren ein gigantisches Betonkreuz auf einem Hügel aufgefallen. Der Reiseführer verriet mir, dass es sich dabei um das Cruz del Tercer Milenio handelt. Das musste näher begutachtet werden. Es sollte ein Nachmittag des Kopfschüttelns werden. Bei diesem Betonkreuz von satten 93 Metern Höhe handelt es sich um eine krude Darstellung von Größenwahn. Das Kreuz wurde anlässlich des Milleniums gebaut. Wie sich später herausstellte war ordentlich Schmiergeld im Spiel und einige Beteiligte gingen dafür hinter schwedische Gardinen. Das Bauwerk sieht schon aus der Ferne vollkommen deplatziert, überdiemnsioniert und in seiner Architektur einfach häßlich aus. Ein einfaches Kreuz ist es nicht, dafür ist es viel zu mächtig mit dem dreieckigen Unterbau und eine Skulptur ist es auch nicht, dafür ist es wieder zu sakral. Kommt man dem ganzen näher wird das ganze Ausmaß der Bigotterie deutlich. Man fährt durch Barrios die man besser Favelas nennen sollte. Es sind absolute Armenviertel mit den ärmsten Menschen der Stadt, die in gerade noch erträglichen (aber dennoch nicht schönen) Verhältnissen ihr Leben fristen müssen. Und genau mitten rein in dieses Elend baut man diesen scheinheiligen gigantischen Schrein mit einem krude anmutenden Themenpark drumrum. 2001 eröffnet passt sich das Bauwerk inzwischen dem Gammel der umliegenden Stadtviertel an. Überall Rost und Dreck. Auf der untersten Etage befindet sich ein Kapellensaal. Dieser ist seinerzeit so schlecht gebaut worden, dass im Winter das Wasser durchkriecht. Überall Flecken an der Decke. Noch ein paar Jahre und die heute bereits existierenden Salzkrusten werden sich in üppige Stalaktiten verwandeln. Der Beton wurde so schlecht verabeitet, dass bereits jetzt überall Löcher entstehen und die Stahlstangen ragen aus dem Beton. Hinter dem Kappellensaal befindet sich ein Museum. Neben Fotos vom Bau sieht man diverse Portraits von hochgestellten kirchlichen Würdenträgern. Die Insignien wurden auch ausgestellt. Das ganze hatte eher die Anmutung einer Altkleidersammlung ausgedienter Sakralfürsten.
Auf der zweiten Etage hat man einen Platz gebaut, auf dem in 4 verschiedenen Bildern mit Statuen der Leidensweg Christi dargestellt ist. Alles recht theatralisch, aber da stehen die Chilenos drauf. Dann geht’s im Fahrstuhl rauf zum Kreuzgang. Dort stehen dann überall Büsten von Kardinälen und Päpsten. Das einzig tolle an diesem Gang ist der Überblick auf die Bucht. Der ist durchaus schön. Man darf nur nicht in die Nähe schauen, dann wird das Elend um diesen Pseudoprachtbau erst recht deutlich. In dieser Umgebung haben die Menschen nahezu nichts davon. Einige wenige vermieten jeden Qaudratmeter als Parkplatz um ein paar Pesos zu verdienen. Dazu ein Getränkeladen. Sonst hat von diesem Kreuz niemand etwas. Aber den Chilenos scheints zu gefallen. Ich sage mir, man muss auch das Elend gesehen haben, um die Schönheit dieses Landes begreifen zu können. Da bin ich seit heute intelligenter.

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