Bei der Reiseplanung hatte ich vom heutigen nicht wirklich
eine große Erwartungshaltung. Es war eine Etappe, die man halt machen musste,
denn Sie lag auf dem Weg. Große Attraktionen versprach sie aber nicht. Nach
einem gemütlichen Frühstück in internationaler geselliger Runde und
entsprechendem Babylonischen Sprachgewirr machte ich auf den Weg auf die
relativ kurze Etappe von etwa 150 km. Ich hatte das Teilstück bewusst kurz
gehalten, da ich nicht wusste, wie lange die Grenzabfertigung nach Argentinien
dauern würde. Nach den letzten beiden Tagen mit bescheidenem Wetter,
präsentierte sich dieser Tag recht freundlich. Die Sonne schien von einem
leicht bewölkten Himmel und gab wieder den Blick auf die beeindruckende
Bergwelt wieder frei. Dazu waren die Temperaturen nicht mehr im polaren
Bereich.
Ich verließ meine Unterkunft und nach wenigen Kilometern war
meine Reise auf der Carretera Austral vorbei. Ich bog ab auf die CH-265 zum Grenzort
Chile Chico. Und prompt fuhr ich auf einer der besten Schotterpisten, die ich
in Chile bisher hatte. Das Fahren machte endlich wieder Spaß. Die Straße führte
entlang am „Lago General Carrera“. Dieser See ist einfach nur irrsinnig riesig.
Er geht auch über die Grenze nach Argentinien hinaus. Dort heißt der See dann „Lago
Buenos Aires“. Warum auch immer. Denn die bekannte Stadt ist ja nun diverse
tausend Kilometer entfernt. Dieser See ist eigentlich eher ein Binnenmeer. Er
ist nach dem Titicacasee der zweitgrößte See Südamerikas. Würde man in nach
Deutschland packen, wäre seine Ausdehnung von Frankfurt bis nach Nürnberg. Da
wird der Bodensee zur Pfütze. Auf chilenischer Seite erwartete mich eine
faszinierende Aneinanderreihung von Bergpanoramen unvorstellbarer Größe. Etwas Schönes
hatte das Mistwetter der vergangenen Tage: Alle Berge waren auf den Spitzen mit
frischen neuem Schnee gezuckert worden. Dies ließ sie im Sonnenschein noch
prachtvoller erscheinen. Es ergab sich ein tolles Farbspiel mit dem See im
Vordergrund, dem weißblauen Himmel und schneebedeckten Bergen. Die Chipkarte
der Kamera wurde mit einem Postkartenmotiv nach dem anderen versorgt. Je näher
ich der Grenze kam, änderte sich die Landschaft. Der alpine Charakter
verschwand. Man fühlte sich eher an die Wüstengebiete am Grand Canyon versetzt.
Dabei passte das klimatisch überhaupt nicht, herrschen in diesem Gebiet doch
Temperaturen von maximal 20 Grad. Durch die vielen Stops um die tollen
Ausblicke zu genießen, zog sich die Reise doch ganz schön hin. Erst am Nachmittag
erreichte ich den Grenzort Chile Chico. Von dessen Erscheinungsbild war ich
doch sehr überrascht. War es doch von Architektur und Sauberkeit der aufgeräumteste
und ansehnlichste Ort der mir in Chile bisher so untergekommen ist. Hätte ich
in dieser Gegend absolut nicht erwartet. Ich fuhr weiter an die Grenze und mal
wieder gewann Chile die Schlacht um das pompöseste Grenzgebäude mit dem
Nachbarn. Bei der Abfertigung bracht mich der Zöllner ins Schwitzen, weil er
ein Papier verlangte, das ich nicht kannte und beim vorherigen Grenzübertritt
in Futaleufú nicht benötigte. Es stellte sich dann heraus, dass die chilenische Version des
Fahrzeugscheins war, welcher im Handschuhfach lag. 30 Minuten und unzählige
Stempel später (wenn die hier an der Grenze eines können, dann ist es Stempeln)
war ich im argentinischen Grenzort Los Antiguos angekommen. Dort fand ein
großes Straßenfest statt. Ich überlegte, nach einchecken in meiner Unterkunft
hierher zurückzukehren. Nach weiteren 25 km erreichte ich die „Estancia
Turistica la Serena“. Eine einfache Farm auf der ein halbes Dutzend Fremdenzimmer
angeboten werden. Ich wurde gleich gefragt, ob ich auch zu Abend essen möchte
und bei der Aussicht auf hausgemachte Küche sagte ich gerne zu. Das Stadtfest
fiel somit aus. Bis zum Essen verbrachte ich den Rest des Abends am Ufer des Lago
Buenos Aires an dem die Estancia lag.
Das Essen war rustikal aber sehr lecker gekocht. Es bestand
aus einer Gemüsesuppe als Vorspeise, kurzgebratenem Lamm mit Kartoffelpüree und
als Nachspeise eine Art Griespudding/-eis mit hausgemachten Karamel. Dazu wurde
eine Flasche guter argentinischer Wein gereicht. Ups, die Flasche war am Ende
leer und ich war heilfroh, den Gastraum geradeaus verlassen zu können, denn ich
hatte einen ziemlichen Pegel. Mit nichts kann man mich leichter abfüllen als
mit Wein. Daher war ich froh, dass ich den Bericht gestern nicht mehr schreiben
musste. Ich hatte ja eh kein Internet zum Hochladen. Ich hätte auch den größten
Blödsinn auf Erden zusammengeschrieben in meinem Zustand. So ging ich glücklich
und zufrieden ins Bett.
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